Hannah Simon mag es, als Autorin die ganze emotionale Breite ihres Berufs zu entdecken. Sie weiß, dass man dabei lernen muss, das Geschriebene kritisch zu betrachten: Bringt es die Geschichte voran oder muss man es schulterzuckend zur Seite legen? Mit ihrem Debüt „Felix oder 10 Dinge, die ich an dir liebe“ ist ihr ein beeindruckender Liebesroman gelungen, der leicht und witzig daher kommt und doch noch lange nachklingt. Mehr über die Autorin unter http://hannahsimon.de/

Liebe Hannah, vielen Dank, dass du dir für dieses Interview Zeit nimmst. In deinem Roman muss der Protagonist Felix feststellen, dass er eine Glücksallergie hat. Nun versucht er, seine glücklichen Momente durch unglückliche „auszugleichen“, um eben nicht zu reagieren, wenn er mit der Frau seiner Träume zusammen ist. Wie ist dein Verhältnis zum Thema Glück vs. Unglück?

Im Moment herrscht das Glück vor: Meine Familie ist gesund, ich kann mir den großen Wunsch erfüllen, zu schreiben – das beides wiegt schon sehr, sehr viel. Ich hätte also ähnliche Schwierigkeiten wie Felix, dies „auszugleichen“ und mich unglücklich zu machen. Genau das hat mich an der Geschichte auch gereizt: Der übliche Romanheld strebt nach Glück, Felix aber sucht verzweifelt sein Unglück. Und das fällt ihm gar nicht so leicht – verkehrte Welt!

Wie Felix feststellt, gibt es heutzutage unglaublich viele Ratgeber darüber, wie man sein Glück finden kann. Man könnte meinen, die Menschheit versinkt heutzutage im Unglück. Wie erklärst du dir diese Entwicklung, waren Menschen früher glücklicher oder haben sie diese Glücksratgeber einfach nicht gebraucht?

Ich bin leider nicht die richtige Expertin, dieses Phänomen zu erklären. Ich kann nur Vermutungen anstellen: Zum einen gibt es heutzutage wahrscheinlich schlicht mehr Buchneuerscheinungen und damit auch mehr Ratgeber. Zum anderen haben wir heute so viele Möglichkeiten wie noch nie, unser Leben zu leben. Wir haben ganz einfach die Qual der Wahl. Und parallel dazu brauchen wir eben (so denken wir zumindest) umso mehr Wegweiser, um uns durch diesen Dschungel zu führen. Dass diese Unmenge an Auswahl an sich schon nicht glücklich macht, kommt dann auch noch hinzu …

Dein Protagonist macht im Roman eine beachtliche Entwicklung durch. Wie würdest du deinen Weg zu Felix beschreiben?

Die Grundidee zu Felix kam tatsächlich als Gedankenblitz, nämlich beim Durchlesen eines Krankenhausberichts nach einigen Allergietests. Dort stand, neben vielen anderen Fachbegriffen, das Wörtchen „Serotonin“, das man laienhaft auch als „Glückshormon“ bezeichnet. Sofort dachte ich: „Was wäre, wenn man gegen Glück allergisch wäre?“

Dass ich daraus einen Liebesroman machen würde, war sofort klar (denn was kann einem, der gegen Glück allergisch ist, Schlimmeres passieren, als sich zu verlieben?); auch, dass mein Protagonist natürlich „Felix“ heißen muss. Der weitere Weg war dann nicht immer so einfach. Sowohl von den äußeren Umständen her – ich habe anfangs Vollzeit gearbeitet, dann ein Kind bekommen, bin drei Mal umgezogen; Schreibzeit war also Mangelware – als auch vom Handwerk her: Ich musste schon sehr viel „für den Papierkorb“ schreiben, bis der „Felix“ vor allem dramaturgisch so war, wie er jetzt ist. Auf dem Weg habe ich also auch viel gelernt. Zum Glück hatte ich die richtigen Wegbegleiter, nämlich Testleser und meine Agentin, die mich immer wieder zurück auf Anfang geschickt haben, solange das Manuskript noch nicht gut genug war. Bis zum fertigen „Felix“ hat es einige Jahre gedauert. Es war ein langer Weg, der sich gelohnt hat.

Das klingt in der Tat nicht ganz so gradlinig. Bist du nach der Methode „planlos ins (Schreib-)Glück“ an den Roman herangegangen, oder hast du vorher geplottet, nur war der Plot nicht der richtige?

Nein, planlos bin ich nicht an den „Felix“ herangegangen; aber meine anfänglichen Pläne haben mich trotzdem nicht davon abgehalten, auch mal in die falsche Richtung abzudriften. Auch der falsche Plan ist ein Plan …

Dann erzähl uns bitte ein bisschen darüber, wie du beim Planen vorgehst und warum es so schwierig war, die richtige Richtung zu finden.

Anfangs habe ich mich sehr auf die Idee der Glücksallergie konzentriert und zu wenig auf die Figur. Ich konnte sehr viel mit den Situationen spielen, was Felix so alles Lustiges passiert, wenn er „glücksallergisch“ reagiert. Aber warum Felix so handelt, wie er handelt, ja, warum er so eine Krankheit hat, hatte ich noch nicht festgezurrt. Dadurch war der Plot einfach noch nicht stringent. Kennst Du die Redewendung „character is plot“? Erst, als ich Felix von Grund auf entwickelt hatte, mit allen Facetten, ergab sich auch zwangsläufig, organisch, die Handlung daraus. Die lustigen Situationen sind immer noch da, aber sie tragen die Geschichte nicht, sondern sind eine Folge davon.

Beim Planen gehe ich so vor, dass ich intensiv an den Figuren arbeite, an den Motiven, an meinem Thema, an „was will ich eigentlich sagen?“. Daraus wird ein solider Kern, aus dem im Grunde alles abgeleitet wird. Erst, wenn ich den habe, gehe ich in die Szenenplanung. Und wenn ich mich auf Abwegen befinde (denn auch beim Planen kommen ja einige Entscheidungen aus dem Bauch heraus), kann ich immer wieder zu diesem Kern zurückkehren und überprüfen, ob diese Abwege noch zu dem Kern passen oder nicht.

Das heißt, alle Figuren werden von dir durchgearbeitet, auch die Nebenfiguren, stimmt's? Wie gehst du dabei vor? Einige Autoren führen Interviews und schreiben Steckbriefe, andere arbeiten mit Prämissen … 

Ja, ich arbeite alle Figuren durch, wobei das Personal im „Felix“ ja noch sehr überschaubar ist. Meine Methode ist tatsächlich die Prämisse und die Figurenmotivation. Ich hinterfrage alles. Während ein einfacher Steckbrief nur eine Eigenschaft auflistet, versuche ich, zum „WARUM“ durchzudringen. Warum will die Figur unbedingt xy erreichen, was hat ihn im Leben geprägt, wie ist sein Hintergrund?

Dieser Antrieb im Kern der Figur prägt sein ganzes Verhalten (seine Entscheidungen, seine Handlungen, seine Antworten in Dialogen …) und auch den Verlauf der Geschichte (wie gesagt, „character is plot“ ...), denn meistens gibt es in diesem Kern auch einen blinden Fleck, den die Figur erst einmal entdecken (und sich dann darüber hinaus weiterentwickeln) muss.

Mein Notizbuch zum Roman wimmelt also vor Fragen, die ich mir selbst zu sämtlichen Aspekten stelle.

Und während des Schreibens kann ich so immer wieder überprüfen, ob ich authentisch bleibe: „Würde die Figur, die eigentlich von XY angetrieben ist, so etwas wirklich tun / sagen?“

Letztendlich ist dir eine außergewöhnliche Liebesgeschichte gelungen. Was macht für dich eine gute Liebesgeschichte aus?

Ich lese selbst gern Liebesromane, gerade solche, die auch ein ernstes Thema behandeln. Eine gute Liebesgeschichte, das ist gar nicht so einfach zu beantworten: Ich verliebe mich gerne in die Protagonisten, es müssen also besondere Figuren sein. Ich finde es schön, wenn Lachen und Weinen verdammt nahe beieinander liegen. Und in ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten muss die Geschichte glaubwürdig sein. Das gilt wahrscheinlich für alle Romane – und ich bin eben auch noch heillos romantisch und greife deswegen gern zu Liebesromanen.

Nennst du uns ein paar Beispiele für Liebesromane, die dich besonders angesprochen haben? 

„Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes zum Beispiel. Dieses Buch kommt als Frauenroman daher, es gibt eine Liebesgeschichte – aber die zentrale Frage ist, ob man sein eigenes Leben beenden darf, wenn man es nicht mehr als lebenswert, sich selbst nicht mehr als sich selbst empfindet. 

Ein anderes Beispiel ist „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls, auch eine Liebesgeschichte: Die beiden Protagonisten sind befreundet, erleben die Höhen und Tiefen im Leben des anderen, finden endlich irgendwann zueinander – und was dann passiert, kann ich nicht verraten, aber es ist nicht das typische Happy End. Der Autor bricht hier mit allen Erwartungen; tut es aber auf so großartige Weise, dass man nur begeistert sein kann.

Viele Autoren haben Angst, beim Schreiben von Liebesromanen "kitschig" zu werden. Kannst du diese Angst vor Kitsch verstehen? 

Ich selbst kenne die Angst vor Klischees oder vor Banalitäten; das geht in die gleiche Richtung. Ein wenig Kitsch ist bei mir absolut erlaubt; ich schreibe ja romantische Szenen und solche mit Happy End, da bleibt das nicht aus. Welcher Leser das dann noch als erträgliches Maß empfindet und welcher nicht mehr, habe ich nicht in der Hand.

Wie überwindest du diese Angst? 

Gar nicht. Wie gesagt ist die ganze emotionale Bandbreite beim Schreiben dabei, auch Ängste. Ich versuche zwar, Klischees zu vermeiden und originell und authentisch zu bleiben, aber ob das dann auch gelingt … Es passiert auch, dass Leser genau das als Klischee empfinden, was man selbst original so erlebt hat.

Allergien und Architekturwelt sind die zwei (Fach-)Säulen, die den Roman stützen. Wie bist du an die Materie herangegangen? 

Beim Thema Allergien habe ich zuerst einmal auf das gebaut, was ich von mir selbst kannte. Ich habe eine Histaminunverträglichkeit, kenne das Klinikum am Biederstein aus eigener Erfahrung, und dass es einem plötzlich schlecht geht, „als hätte jemand einen Schalter umgelegt“, nun ja, das ist ausnahmsweise einmal ganz autobiographisch. (Die Art und Weise, wie Felix dann genau reagiert, ist dafür völlig frei erfunden.)
Zusätzlich habe ich einige Leute mit Allergien in der Familie befragt und Fachwissen recherchiert.

Beim Thema Architektur habe ich einige Experten zu Rate gezogen. Anfangs habe ich zwei Architekten in meinem Umfeld zu ganz grundlegenden Dingen befragt. Dann, als ich eine noch sehr grobe Vorstellung des Plots hatte, bin ich mit einer Innenarchitektin in Kontakt getreten. Anhand der intensiven Gespräche mit ihr habe ich meinen Plot verfeinert und festgelegt. Während des Schreibens habe ich dann hier in Stuttgart bei einem Architekturbüro angeklopft; dort durfte ich dem Inhaber beim Arbeitsalltag über die Schulter blicken, in den Materialraum spicken und ihm alle möglichen Fragen stellen. Und zu guter Letzt hat die Innenarchitektin dann noch das fertige Manuskript auf alle fachlichen Aspekte gegengelesen.

Das hört sich spannend an. Gab es bei deiner „Live-Recherche“ etwas, was dich vielleicht überrascht hast?

Bei meinem Besuch im Architekturbüro gab es keine riesigen Überraschungen, sondern vor allem viele alltägliche Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind und die ich vorher nicht kannte. Zum Beispiel hat der Architekt mehrfach einen Fachbegriff ganz selbstverständlich verwendet, und das gar nicht gemerkt, es war für ihn völlig normal. Genau das – einer Fachperson im Alltag „auf den Mund“ oder über die Schulter zu schauen – war wichtig, um diesen Alltag auch glaubwürdig im Roman darzustellen. Kleines Beispiel: Dieser Architekt nahm zu jedem Meeting und auf die Baustelle sein iPad mit, weil er dort sofort Fotos vom Projekt machen, Protokolle führen und Termine abgleichen konnte. Das hatte ich gar nicht bedacht – ich war davon ausgegangen, dass man im Büro am Computer sitzt und auf der Baustelle, nun ja, davon hatte ich keine Ahnung! Also zückt Felix im Roman auch sein iPad. Es mag nur eine Kleinigkeit sein, aber ich wollte gern, dass diese Details auch richtig sind.

Musstest du dich überwinden, als eine noch unbekannte und unveröffentlichte Autorin bei einem Architekturbüro anzuklopfen?

Na klar musste ich mich überwinden, dort anzuklopfen, und wie! Obwohl mir alle sehr, sehr freundlich begegnet sind. Das ist überhaupt meine Erfahrung: Eigentlich sind die Leute neugierig und freundlich; sie freuen sich, einem Schriftsteller Auskunft zu geben. Nur in den beiden Museen, in denen ich für die Szene beim Klassentreffen recherchiert und deshalb Fragen zu „nachts im Museum“ gestellt habe, waren die Ansprechpartner leicht enttäuscht, dass ich keinen Krimi schreibe. ;)

Wohin siehst du dich als Autorin demnächst entwickeln? Was sind deine Ziele?

Also, zuerst einmal freue mich, an meinem zweiten Roman zu schreiben, der ebenfalls eine Liebesgeschichte ist. Mein Ziel ist, dass daraus ein gutes Buch wird. Momentan denke ich erst einmal so weit. Mein langfristiges Ziel ist es, mich immer ein wenig zu verbessern. Deswegen lese ich viel (und versuche, auch viel zu schreiben). Pläne für andere Genres oder einen großen Fünfjahresplan, der irgendwo eine Bestsellerliste beinhaltet, gibt es nicht. :)

Vielen Dank für das Interview, liebe Hannah!

Das Interview führte Olga A. Krouk (www.olgakrouk.de oder www.facebook.com/OlgaAKrouk)