Die Autorin und Dozentin Diana Hillebrand (geb. 1971) lebt mit ihrer Familie in ihrer Wahlheimat München. Seit 2006 gibt sie dort fortlaufend Kurse zum Thema „Kreatives Schreiben“ an ihrer WortWerkstatt SCHREIB&WEISE und unterstützt angehende und erfahrene Autoren bei ihren Buchprojekten. Als Autorin veröffentlichte sie mehrere Bücher und eine Vielzahl von Fachartikeln. Mehr über die Autorin und Dozentin: www.diana-hillebrand.de und www.SCHREIBundWEISE.de

 

Interview

Liebe Diana, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, die Fragen zu beantworten. Seit Januar 2014 erscheint monatlich deine Reihe „Heute schon geschrieben?“ (dotbooks, Weltbild). Du bezeichnest sie als "Schreibschule": Was genau kann man sich darunter vorstellen? 

Da ich schon seit 2006 Kurse an meiner WortWerkstatt SCHREIBundWEISE in München gebe, kann man sich das wirklich als eine Art Schreibkurs in Buchform vorstellen. Man findet darin also theoretische Teile, in denen ich bestimmte Dinge erkläre. Man wird auf Ausdrücke wie Protagonisten, Antagonisten, Monologe, Dialoge, erlebte Rede, Bewusstseinsströme, Plot oder Guillements und andere treffen. Natürlich werden diese Dinge ganz genau erklärt. Dazu gibt es jede Menge Textbeispiele und Schreibübungen, denn ich möchte die Leser bzw. Autoren ja motivieren, selbst zu schreiben. 

Wie würdest du die Zielgruppe für deine Reihe definieren? 

Ich denke, die Zielgruppe entspricht in etwa der Zielgruppe meiner Schreibkurse. Da gibt es die Einsteiger, die noch gar keine Erfahrung haben und denen ich dann auch mal sage, was eine „Normseite“ oder ein „Zuschussverlag“ ist, bis hin zu denen, die bereits erste Erfahrungen oder kleine Veröffentlichungen haben. Auch sie möchte ich motivieren, aber gern noch ein paar Dinge mit auf den Weg geben. Im dritten Band geht es um Erzählperspektiven, die ich anhand eines Bergaufstiegs durchgespielt habe, im vierten zeige ich die Stärken von Dialogen auf, ebenfalls mit vielen Textbeispielen. Da haben auch Autoren mit Erfahrung etwas davon. Gerade erst habe ich Feedback einer sehr erfahrenen Autorin diesbezüglich bekommen, denn Band drei ist als E-Book schon auf dem Markt.

Über die Jahre habe ich viele Leute aus der Branche kennengelernt oder bin auf interessante Webseiten gestoßen. Deshalb findet man auch Linktipps in den Büchern. In den Bänden 9 und 10, in denen es dann um Verlage, Verträge, Agenten  und Marketing geht, werden auch erfahrene Autoren fündig. Denn ich bin ja den Weg der Autorin von der ersten kleinen Veröffentlichung bis hin zum gebundenen Hardcoverbuch selbst gegangen. Natürlich, ohne einen Zuschussverlag zu bemühen. :)
Fazit: Die Bücher richten sich an alle die schreiben, Motivation suchen und in die Themen des Kreativen Schreibens tiefer einsteigen wollen. 

Kann deiner Meinung nach wirklich "jeder" Schreiben lernen? 

Natürlich kann und werde ich niemals sagen, jemand, der die Bücher liest oder meine Kurse besucht, wird am Ende ein erfolgreicher Schriftsteller sein. Dafür spielen einfach zu viele Dinge eine Rolle und eine Portion Glück gehört auch dazu. Und natürlich gibt es Autoren, die von Natur aus ein unglaublich sprachliches Talent besitzen. Das kann man sicher nicht lernen, das hat man. Trotzdem weiß ich aus Erfahrung, dass es Dinge gibt, die man lernen kann, die einem auf dem Weg helfen. Ich jedenfalls habe mir vor 20 Jahren genau so etwas gewünscht, jemanden, der mir anhand von Beispielen zeigt, wie man Dialoge schreiben kann, wie man Figuren konzipiert, welchen Plan ich für ein Buch brauche. Ich hatte das Glück, eine Lektorin kennenzulernen, die eine Schreibgruppe in München betreute. Da haben wir das geübt, geschrieben, diskutiert, gelesen, gestrichen ... Schreiben lernt man also in erster Linie, indem man schreibt, Texte erprobt, ein bisschen experimentiert und vor allem braucht man Disziplin. Da ist es sicher nicht schlecht, wenn man Motivation bekommt und einige Handwerkszeuge, die einem helfen. Ich glaube nicht, dass es einen „Generalplan“ gibt: So schreibt man ein Buch, aber ich denke, es gibt Stationen auf dem Weg dahin und Dinge, die einem im Laufe der Zeit klar werden. Wenn man dann irgendwann sagt, jetzt mache ich das alles ganz anders, ist es auch gut. Ich versuche also nicht, Autoren in ein schematisches Korsett zu stecken, sondern ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg und Stil zu finden. Aber ich zeige ihnen Werkzeuge, die sie vielleicht gebrauchen können. So mache ich das in meinen Kursen und so habe ich das auch in der Buchreihe umgesetzt.

Fazit: Schreiben lernt man, indem man schreibt! 

Du richtest dich also sowohl an Anfänger, als auch an erfahrene Autoren. Wie ist es deiner Meinung nach: Erreichen erfahrene Autoren irgendwann einen Zeitpunkt, an dem sie handwerksmäßig nicht mehr viel Neues lernen können? 

Wer weiß schon alles? Ich jedenfalls schreibe schon einige Jahre und habe mehrere Veröffentlichungen. Trotzdem habe ich von Kollegen und Kursteilnehmern schon wertvolle Hinweise bekommen. Dafür bin ich immer offen und hoffe es auch zu bleiben. Niemand kann von sich behaupten, es gibt nichts mehr zu lernen. Denn man verändert sich ständig und als Autor entwickeln sich die Texte weiter. Aber natürlich ist es absolut kein MUSS, sich einer Schreibgruppe anzuschließen, oder Bücher über das Kreative Schreiben zu lesen. Schriftsteller werden immer ihre eigenen Wege finden. Manch einer braucht die Abgeschiedenheit und die einsamen Stunden allein am Schreibtisch. Die Menschen sind verschieden und Autoren auch. Die Buchreihe ist nur eine Möglichkeit von vielen. Und ich denke, diejenigen, die sich dafür interessieren, oder entsprechende Kurse besuchen, sind offen dafür. Die Antwort auf Deine Frage wird sich also jeder selbst geben müssen. :) 

Lass uns deine Reihe nun etwas ausführlicher betrachten. Wie hast du sie konzipiert? 

Um das Ganze spannend zu gestalten, habe ich viele Dinge eingebaut, die ich in meinen Schreibkursen schon erprobt habe. Da gibt es zum Beispiel ein „Dialogduell“. Das ist eine ganz einfache Übung, die die Teilnehmer meiner Kurse aber regelmäßig zu sehr guten Dialogergebnissen geführt haben. Im 4. Band „Ort der Handlung“ habe ich dann verschiedene Handlungsorte durchgespielt. Von der ganz neuen Welt in einer Fantasyszene, über das Haus am Meer bis hin zur kleinen Nussschale auf einem Fluss. Am Ende gibt es dann ein Würfelspiel, bei dem man dann zwei Orte erwürfelt und sie in einer Geschichte zusammenbringen muss. Also zum Beispiel das Baumhaus und den Waschsalon. Das macht auch Spaß, wenn man es in einer Schreibgruppe spielt.

Fazit: Die Bücher beinhalten Theorie, Praxis und sollen Spaß machen. 

Ein Würfelspiel klingt auf jeden Fall spannend. Aber was ist mit Lesern, die bereits eine konkrete Idee für ihren Roman haben? Sie können das Würfelspiel schlecht verwenden, da eine Szene mit einem Baumhaus und einem Waschsalon vielleicht überhaupt nicht in ihr Konzept passt. 

Naja, es ist ja nicht so, dass es sich um Pflichtübungen handelt. Ich biete bestimmte Dinge an. Jeder sucht sich heraus, was er davon umsetzen möchte. Für die, die konkrete Buchprojekte haben, gibt es andere Übungen, die vielleicht besser passen. Oder aber man liest die Reihe einfach nur durch und macht sich seine eigenen Gedanken dazu oder wandelt eine Übung so ab, dass sie für das eigene Projekt passt. Das traue ich Autoren absolut zu. 

Welche anderen Übungen würdest du den Lesern des Interviews empfehlen? 

Dann nehme ich hier doch einfach eine Übung aus der Reihe auf, von der ich weiß, dass sie gerade von einer Lektorin eines großen Verlags einem jungen Autor empfohlen wurde, um seine Figur besser in den Griff zu bekommen:
Liebesbrief an die Figur (aus Band 2 „Figuren entwickeln“)
„Manchmal erlebe ich es in meinen Schreibkursen auch, dass die Autoren eine große Distanz zu ihren Haupt- und/oder Nebenfiguren haben. Sie bringen ihnen großen Respekt entgegen und scheuen die direkte Konfrontation. Die vorgenannte Interview-Übung „Interview mit der Figur“  kann helfen. Wenn das nicht den gewünschten Erfolg bringt, dann kann man es auch einmal mit einem Liebesbrief versuchen: Schreiben Sie Ihrer Figur einen Liebesbrief. Schreiben Sie ihr, was sie an ihr schätzen und was Sie beunruhigt. Schreiben Sie, was Sie verbindet und was Ihnen Angst macht. Drücken Sie Ihre Gefühle aus. Dann schicken Sie den Brief an Ihre eigene Adresse ab. Aber schicken Sie ihn unbedingt mit der Post! Es wird ein bis zwei Tage dauern, bis er wieder bei Ihnen ankommt. Öffnen Sie ihn, und lesen Sie ihn aufmerksam und mit einem frischen, distanzierten Blick. Dann verfassen Sie eine Antwort. Versuchen Sie, auf die Fragen im Brief einzugehen. Sich zu erklären.

Diese Übung hat einen doppelten Effekt. Sie gehen offen mit Ihrem Problem um und bekommen eine direkte Antwort dadurch, dass Sie sich beim Verfassen der Antwort in die Position und die Gedankenwelt Ihrer Figur versetzen.“ 

Wie sind deine Schreibübungen und Textbeispiele allgemein aufgebaut? 

Was die Schreibübungen angeht, orientiere ich mich an meinen langjährigen praktischen Erfahrungen aus meinen Schreibkursen. Dort hat sich gezeigt, dass sowohl Einsteiger, als auch erfahrene Schreiber damit etwas anfangen können. Hat jemand beispielsweise ein konkretes Projekt, kann er die Übung auch anhand seiner Figur aus dem aktuellen Projekt durchspielen. Vielleicht kann er das Ergebnis nicht Wort für Wort in seinen Text einsetzen, aber trotzdem entstehen oft neue wichtige Erkenntnisse.

Andere erfinden auch gern frisch eine Figur für die Übung. Da es mehrere Übungen pro Band gibt, kann man sich aussuchen, was man gerade für seinen Schreibprozess braucht. Es sind ja keine Pflichtübungen, sondern nur Anregungen, die einem in einer bestimmten Phase weiterhelfen sollen. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade ergeben sich aus dem Anspruch der Autoren und ihrem Niveau in der Umsetzung ganz von selbst.

Den Verlagen war es wichtig, dass sämtliche Textbeispiele von mir stammen. Ich konnte sie deshalb so konzipieren, dass sie die Theorie oder das jeweilige Thema sehr eindeutig darstellen. Das erklärt sich von selbst, eine Analyse ist nicht erforderlich.

Hin und wider nehme ich Bezug auf literarische Werke und gebe Hinweise, wo Autoren eine bestimmte Technik angewandt haben. Zwingend ist die Lektüre natürlich nicht. 

Vertiefst du in weiteren Bänden die jeweiligen Themen, oder kann man sagen, dass jemand, der sich beispielsweise für die Figuren interessiert, nur den Band über die Figuren zu kaufen braucht? 

Jeder Band vertieft ein bestimmtes Thema. Bei den Figuren geht es im weitesten Sinne um die Figuren. Da fange ich jetzt nicht an, einen Plot aufzubauen oder zu erläutern. Ich habe zunächst einmal versucht, jedes Thema für sich zu nehmen. Natürlich gibt es aber Zusammenhänge zwischen Figuren, Dialogen und Perspektiven. Letztendlich hängt ja alles zusammen und am Ende fügen sich die einzelnen Bausteine zu einem großen Ganzen. In diesem Fall in 15 Bänden. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass es Autoren geben wird, die sich insbesondere für bestimmte Themen interessieren und sich nur einzelne Bände kaufen, weil sie beispielsweise sagen: „Mit Figuren kenne ich mich aus, aber mich interessieren die Perspektiven oder die Handlungsorte.“ Dann kann man selbstverständlich auch nur einen Band lesen. Das Schwerpunktthema ist Titel des jeweiligen Buches.
Meine Idee war also, eine möglichst flexible Reihe zu gestalten, die die Themen in Häppchen anbietet. Jeder nimmt sich, was er mag, oder aber bedient sich am kompletten Buffet.

Der Grund dafür ist, dass ich nicht daran glaube, dass Bücher anhand von festen Vorgaben entstehen. Ich glaube nicht, dass man sagen kann: „So wird das gemacht und nicht anders.“ In meinen Kursen habe ich erlebt, dass jeder seinen eigenen Weg geht. Ich habe erlebt, dass sehr konkrete Pläne gemacht wurden, Tabellen und Beziehungsaufstellungen der Figuren und ich habe erlebt, dass Leute einfach erstmal losschreiben müssen, um ins Projekt zu finden. Ich maße mir nicht an, den einzigen wahren Weg zu kennen. Doch ich kann sagen, es gab schon mehrere Kursteilnehmer, die bei (auch großen) Verlagen oder in Anthologien veröffentlicht haben, obwohl sie völlig verschiedene Herangehensweisen hatten. Deshalb dachte ich an eine Art Module, als ich die Reihe konzipiert habe.

Man kann das Ganze also als Schreibkurs von Band 1 – Band 15 sehen oder aber sich einzelne Themenbereiche heraussuchen. Damit möchte ich auch den Vorkenntnissen und konkreten Interessen der Autoren gerecht werden. Wer schon länger schreibt, weiß natürlich, dass vieles ineinander spielt und oft das eine nicht ohne das andere funktioniert. 

Du erwähnt, dass du sowohl Einsteiger als auch erfahrene Autoren ansprechen möchtest. Wie weit steigst du in die Materie ein? Um die Frage etwas konkreter zu gestalten: Wenn ich die Drei-Akt-Struktur kenne - zeigst du weitere Methoden der Handlungsaufbaus? Oder wählst du eine, zeigst dafür aber Aspekte auf, die evtl. nicht jedem bekannt sind? 

Natürlich erkläre ich die klassische Drei-Akt-Struktur, aber man kann diese Struktur natürlich auch noch ausdehnen, z. B. in dem man sie zu einer Fünf-Akt-Struktur ausbaut. Auch das Phänomen der 20 Masterplots nach Ronald B. Tobias kommt zur Sprache und die Frage, woraus Bücher eigentlich entstehen. Auch die von mir selbst angewandte Schneeflocken-Methode wird durchgespielt und erläutert. Die Leser erfahren, was ein Cliffhanger ist und wie wichtig Konflikte der Figuren sind, um die Handlung voranzutreiben. Ebenso dieses unbedingte Wollen von Figuren, ein Ziel zu erreichen. Die Frage, ob man zwingend einen Plot schreiben muss, wird trotzdem jeder für sich selbst beantworten müssen. Angeblich soll Steven King ohne Plot schreiben. Ob und inwieweit das für erfahrene Autoren interessant ist, kann ich natürlich an dieser Stelle nicht sagen. Das kommt auf deren Vorkenntnisse an. Letztlich wird jeder Leser sich diese Frage erst beantworten können, wenn er das Buch gelesen hat. So ist das halt mit Ratgebern. :) 

Die Drei-Akt-Struktur und die 20 Masterplots von Ronald B. Tobias zählen inzwischen zu richtigen Klassikern. Was hältst du von anderen Methoden, zum Beispiel von der so genannten "Heldenreise", die in der letzten Zeit oft hier und da Erwähnung findet? Und von den Unterscheidungen zwischen einer charakterorientierten und plotorientierten Geschichte? 

Die Heldenreise geht auf Joseph Campbell zurück. Er schuf ein Standardwerk „The Hero with a thousand faces“ der Mythenforschung. Dabei stellte er fest, dass die Heldenfahrt immer wiederkehrenden Strukturen folgt. Das lässt sich auf die Strukturen von Geschichten übertragen. Ich gehe auf das Werk von Joseph Campbell ein, doch setze ich keinen extra Schwerpunkt darauf. So neu ist diese Erkenntnis nicht und sie findet vor allem im Bereich der Filmgeschichte Beachtung. Ich möchte die Autoren nicht verleiten, Bücher und Geschichten ausschließlich aufgrund von „Schablonen“  zu entwerfen. Aber es gibt Hinweise und Erläuterungen dazu, wer mag kann sich also intensiver damit beschäftigen. Mir geht es ja darum, einen Gesamtüberblick der Möglichkeiten zu verschaffen und nicht darum, eine Methode hervorzuheben. Das würde den Rahmen der Buchreihe sprengen, vor allem, wenn man noch am Anfang seiner Schreibkarriere steht. Den Unterschied zwischen einer charakterorientierten oder plotorientierten Geschichte sollten die Leser aber nach der Lektüre kennen. 

Ist die Drei-Akt-Struktur nicht auch eine Art „Schablone“? 

Ehrlich gesagt, glaube ich, dass es langsam zu sehr in die Tiefe geht. :) Ich habe ja kein Buch über das Plotten geschrieben und möchte auch nicht diesen Eindruck erwecken. Wenn wir das an dieser Stelle weiter fortsetzen, besteht meines Erachtens die Gefahr, dass wir uns zu sehr vom Inhalt der Bücher entfernen und uns in eine – zwar interessante – aber zeitaufwendige Diskussion über das Plotten vertiefen. Natürlich ist das ein Thema in einem der Bücher (und ganz offensichtlich ist es Dein Thema J), aber es ist nur ein Thema und die Reihe hat ja 15 Bücher. 

Das verstehe ich. Dann möchte ich einen interessanten Punkt aufgreifen, den du weiter oben sehr treffend formuliert hast: Tabellen und Beziehungsaufstellungen vs. „erstmal losschreiben“. Gibt es Methoden, um herauszufinden, ob man eher „Planer“ oder „Bauchschreiber“ ist? Und welchen Arbeits- und Lernweg würdest du für die jeweilige Gruppe empfehlen? 

Ich glaube, das findet jeder ganz schnell selbst heraus. In meinen Schreibkursen hat sich das ganz einfach herausgestellt: Die einen haben angefangen zu schreiben ohne Plan, die anderen kamen am nächsten Kurstag mit einem Handlungsplan, mehr oder weniger ausführlich.

Ich lasse da jeden so wie er ist. Ich persönlich mache mir für meine Buchprojekte einen groben Plan und denke, es macht mir die Sache einfacher, wenn ich weiß, wohin die Reise gehen soll. Mein grober Handlungsplan lässt mir dann aber immer noch genug Freiheit für die Entwicklung der Geschichte.

Man kann also sagen, ich arbeite nach der Schneeflocken-Methode. Aber das ist mein Weg, andere Autoren machen es wieder anders. Das kann man niemandem vorgeben. Jeder, wirklich jeder, der schreibt, muss hier seinen eigenen Weg finden. In meinen Schreibkursen lasse ich das zu und sehe, wer Hilfe braucht. Darauf gehe ich dann individuell ein. Das kann ich natürlich in einer Buchreihe nicht leisten. Deshalb versuche ich in den Büchern verschiedene Anregungen zu geben. Jeder sucht sich dann aus, was er machen möchte. 

Nach deiner Erfahrung kristallisiert sich das also recht schnell heraus? Geschieht dies ganz unbewusst? Oder gibt es vielleicht gewisse "Anzeichen", die einem helfen würden, da mehr Sicherheit zu gewinnen (um vielleicht nicht den falschen Weg zu laufen, sondern sich gleich für die ungefähr richtige Richtung zu entscheiden)? 

Ja, ich glaube, es gibt da wirklich verschiedene Typen von Schriftstellern. Natürlich biete ich in meinen Kursen die Möglichkeit an, sich eine grobe Struktur zu überlegen, weil das für lange Projekte aus meiner Sicht unerlässlich ist und sich bewährt hat. Aber letztlich muss das doch jeder selbst entscheiden. Schön wäre es natürlich, wenn man über die Buchreihe motiviert wird, auch mal etwas anderes zu versuchen. Und – wie gesagt – ich glaube nicht daran, dass es eine „richtige Richtung“ gibt. Ich jedenfalls maße mir nicht an, diese Entscheidung für andere Autoren treffen zu können. Für mich war das Schreiben eine Entwicklung über viele Jahre und sie dauert an. Gern biete ich den Lesern und Kursteilnehmern an, an meinen Erfahrungen teilzuhaben, um vielleicht den einen oder anderen Umweg zu vermeiden, aber ich spreche niemals von „nur so ist es richtig“. Dafür sind Menschen und Autoren doch viel zu unterschiedlich und ich sehe ja täglich, dass es Autoren gibt, die ganz eigenwillige Wege gehen, um ihre Bücher zu schreiben. Da ich seit 2006 einen monatlichen Literaturtreff in München habe, zu dem ich regelmäßig namhafte Autoren einlade, habe ich da schon die unterschiedlichsten Herangehensweisen gehört. 

Bleiben wir noch ein wenig bei der Konstellation Plotter vs. Bauchschreiber. Für einen Plotter könnte es ja fatal sein, wenn er viel Zeit investiert, um eine Geschichte "drauflos" zu schreiben, um nach 100 Seiten festzustellen: "Ich habe die Story gegen die Wand gefahren". Umgekehrt kann ein Bauchschreiber eine wunderbare Idee für einen Roman haben, er beginnt zu plotten und stellt irgendwann fest, dass er jegliche Lust und Interesse an dieser Story verloren hat. Also: Gibt es irgendwelche "Anzeichen", die einem Neuling helfen würden festzustellen, zu welcher Gruppe er eher gehört, um solche "Niederlagen" zu vermeiden? 

Ich glaube, ehrlich gesagt, „Niederlagen“ – wie Du es nennst – gehören zum Schreiben dazu. Vieles lernt man dadurch, dass man schreibt, etwas ausprobiert, feststellt, so komme ich voran und so geht es gar nicht. Ich kenne keinen einzigen Autor, der nicht schon mal eine ganze Menge Seiten verworfen hat und bei dem nicht auch tolle Ideen in der Schublade landen, weil es nicht weitergeht. Wenn ich wüsste, wie man so etwas vermeiden kann, wäre ich sehr glücklich. Aber ich denke, das geht nicht. Das sind Prozesse, die gehören zum Schreiben dazu. Irgendwie muss man in seinen eigenen Schreibprozess, in seine Struktur finden. Man kann sich umhören, wie das andere machen, man kann Schreibschulen besuchen und Ratgeber lesen, wird es dadurch besser? Und ich glaube nicht, dass es besser wird, weil man sich einer Gruppe zuordnet. Deshalb kann es trotzdem immer wieder in die Hose gehen. Zum Schreiben gehört viel Disziplin und Durchhaltevermögen. Das kann man gar nicht oft genug sagen. 

So, nun aber genug geplaudert. Ich habe hier noch zwei Druckfahnen, die auf mich warten. Vielen Dank für dieses ausführliche und intensive Interview, liebe Olga.

Es hat Spaß gemacht! 

Dann bedanke ich mich für deine Zeit und wünsche dir viel Erfolg mit deiner Reihe (und natürlich auch mit den Druckfahnen :)  )! 

Das Interview führte Olga A. Krouk (www.olgakrouk.de oder www.facebook.com/OlgaAKrouk)