Humor gehört zu unserem Leben. Und was sollen unsere Romane widerspiegeln, wenn nicht das Leben selbst? Daher wundert es wenig, dass Humor in vielen Büchern zu finden ist. Er ist diese besondere Würze, die einem Gericht das gewisse Etwas verleiht. Oder bei der falschen Dosierung oder Art alles ruiniert.

Auf den ersten Blick scheint der Humor etwas Intuitives zu sein. Entweder man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Im Großen und Ganzen stimmt das auch. Eine gewisse Veranlagung sollte man haben. Andererseits gibt es bestimmte Techniken, die einem helfen sollen, humorvoll zu schreiben und ein Gespür dafür zu entwickeln. Funktioniert das tatsächlich? Kann man es lernen, witzig zu sein?

Verschiedene Facetten des Humorigen

Die Arbeit mit den humorigen Aspekten unterscheidet sich kaum von der Arbeit mit dem Schreibhandwerk. Eine grundsätzliche Intuition und Inspiration für die Materie bildet eine Basis. Die entsprechenden Techniken und Richtlinien helfen lediglich, das Geplante solider und sicher aufzubauen.

Bei der Arbeit mit dem Humor ist es zunächst einmal wichtig, genau zu bestimmen, was für eine Art von Witz zum eigenen Projekt passt. Ein zynischer Kommentar eines Thriller-Kommissars ist etwas anderes, als eine flapsige Bemerkung aus einem „ChickLit“-Roman (heitere Frauenliteratur). Eine schlagfertige Figur, die immer einen witzigen Spruch auf den Lippen hat, funktioniert anders, als eine Komik-Figur, die nur auf Blödeleien ausgelegt ist. Als erstes ist es daher wichtig zu definieren, welches Ziel man mit dem Humor verfolgt.

In ihrem Roman „Phönixfluch“ zeigt Jennifer Benkau, wie ein witzig-schlagfertiger, aber ernster Charakter funktioniert. Ihr Held Samuel lockert eine gefährliche Situation oft mit einem tollen Spruch auf, der den Leser zum Schmunzeln bringt.

In der untenstehenden Beispielszene bereiten sich die beiden Hauptfiguren auf einen entscheidenden Kampf vor. Die Protagonistin Helena sieht Samuel, der sie bisher eher durch sein virtuoses Musizieren als durch Kampfkünste beeindruckt hat, zum ersten Mal mit einem Schwert vor sich.

„Mit dieser Waffe in der Hand erkannte sie ihn kaum wieder. […] „Kannst du überhaupt damit umgehen?“

„Nein.“ Seine Stimme war trocken, doch aus dem kurzen Blick, der er ihr zuwarf, sprach eine Idee von gekränktem Stolz, überdeckt von jeder Menge Spott. „Ich brauchte die letzten hundert Jahre, um mein Klavierspiel zu perfektionieren.““ (Seite 181, „Phönixfluch“ Jennifer Benkau, Sieben-Verlag)

Die Autorin arbeitet oft mit sarkastischen, ironischen Zwischentönen. In einer spannenden Situation sprechen solche Einschübe weitere Emotionen des Lesers an und machen den Roman mehrdimensional. Zum einen tut die Abwechslung der Geschichte gut, ohne die gefährliche, oft düstere Atmosphäre zu zerstören. Zum anderen werden diese Einschübe auch zur Charakterisierung der Figur genutzt und verleihen ihr mehr Facetten.

Anders ist der Humor im Roman „Seide“ von Alessandro Baricco angelegt. Dort schreibt der Autor mit einem Augenzwinkern zwischen den Zeilen. Der Humor ist leiser, unscheinbarer. In der folgenden Szene stehen die Figuren vor einem Problem, das das ganze Städtchen, das seine Wirtschaft um den Handel mit der Seide aufgebaut hat, zu zerstören droht. Denn eine Epidemie vernichtet die Seidenraupen. Nur im fernen Japan scheinen diese gesund zu sein. Einem Land, von dem keiner der Beteiligten etwas Genaueres zu wissen scheint.

Hervé Joncour legte eine Zigarette auf die Tischkante und sagte: „Und wo genau soll dieses Japan liegen?“
Baldabiou hob die Spitze seines Spazierstocks und wies damit über die Dächer von Saint-August.
„Immer geradeaus.“
Sagte er.
„Am Ende der Welt.“

(S. 19, „Seide“, Alessandro Baricco, die HC-Ausgabe des Piper-Verlags)

Auch hier, in einem Werk der so genannten „ernsten Literatur“ (E-Literatur), dient der Humor dem Zweck, mehrere Sinne des Lesers anzusprechen und die Wirkung des Romans auszuweiten. In dieser Szene arbeitet der Autor mit dem Mittel der Übertreibung. Was als eine Geste zum Nachbarhof beginnt, endet in der Aussage: „Am Ende der Welt“. Der sonst eher nüchterne Stil des Autors hebt die augenzwinkernden Einschübe zusätzlich hervor.

Wenden wir uns nun dem dritten und letzten Beispiel zu: der heiteren Frauenliteratur. Die Protagonistin des Romans „Hexendreimaldrei“ von Claudia Toman ist auf der Hochzeit ihres Ex-Freundes, über den sie immer noch nicht hinweg ist. Voller Frust sperrt sie sich im Klo ein. Als sie unbedacht ein Streichholz anzündet, passiert es …

Ich muss mir die Augen zuhalten, um nicht blind zu werden, und als ich sie vorsichtig wieder öffne, steht, oder fliegt vielmehr, eine sonderbar gekleidete Gestalt vor mir. »Sie«, die sich bei näherer Betrachtung als »Er« entpuppt, schwebt etwa zwanzig Zentimeter über den Fliesen, ist in rosaroten Tüll gehüllt, und hinter den Schultern schaut etwas hervor, das man fast für ein paar Flügel halten könnte. Seine pink gefärbten Haare sind dezent toupiert, außerdem mit viel Gel bearbeitet, oben am Scheitel sitzt eine winzige Krone. An seinen Schläfen befinden sich liebevoll getrimmte Koteletten, an denen er permanent mit dem Mittelfinger entlangstreicht.

»Wer stört?«, fragt er ungehalten und sieht mich, die Nase gerümpft, an.

»Ich, ähm, also …«, versuche ich es konsterniert, einen Heiterkeitsanfall mühsam unterdrückend, doch er schüttelt nur ungeduldig den Kopf, was die kleine Krone gefährlich ins Ungleichgewicht bringt.

»Es ist immer das Gleiche, wirklich. Mich erst bei meinem Schönheitsschlaf stören und dann dumm schauen. […]«

(S. 14, „Hexendreimaldrei“, Claudia Toman, Diana-Verlag)

Hier wird ganz offensichtlich, beinahe plakativ mit komischen Elementen gearbeitet. Eine gute Fee – männlich, zickig und in den rosafarbenen Tüll gehüllt – erscheint der Protagonistin ausgerechnet auf dem Klo. Der Ort ist unpassend, die Figur ist anders, als wir es aus den Märchen kennen – die Passage wird mit Komik gespickt und strapaziert – genau das, was im Genre erwartet wird.

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, wie wichtig es ist, den eigenen Roman und die Absichten im Bezug auf den Humor genau zu kennen, um die Wirkung dieses Mittels so einzusetzen, wie es der Geschichte gut tut. Die Art des Humors, die Dosis und die Anwendung sind drei Stützpfeiler, die bei der Arbeit nicht aus den Augen gelassen werden dürfen.

Komische Figuren entwerfen

Den Begriff „komische Figur“ verwendet John Vorhaus in seinem Ratgeber „Handwerk Humor“. Diese Bezeichnung wollen wir hier beibehalten.

Man kann mit einer Figur oder über eine Figur lachen. Der Unterschied liegt in der Distanz, die zum Leser aufgebaut wird. Im Fall „mit“ wird Nähe erzeugt, was es dem Autor leicht macht, im Leser mehr Emotionen im Bezug auf die Figur hervorzurufen. Man fühlt sich dem literarischen Charakter näher, weil man seinen Humor zu teilen scheint. Eine Gemeinsamkeit mehr, die eine Identifikation erleichtert.

Lacht man über eine Figur, so steht vordergründig das Gefühl: „Gut, dass das nicht mir passiert“. Der Leser geht automatisch auf Distanz, zeigt mit dem Finger auf diese komische Gestalt und entzieht sich ihr emotional: „Na, so würde ich mich nie anstellen.“ Will der Autor diese Figur zur Identifikation nutzen, muss er all sein Geschick anwenden, um die emotionalen Anknüpfungspunkte auszubauen und dem Leser zugänglich zu machen.

Oft vergisst man sehr schnell, dass eine komische Figur nicht gleichzeitig „eine flache Figur“ bedeutet. Es reicht nicht, jemanden auf einer Bananenschale ausrutschen zu lassen, um Lacher zu erzeugen. Ein dummer Tollpatsch mag vielleicht ein paar Mal funktionieren, doch auf Dauer wird er langweilig, sollte er nicht mehr zu bieten haben. Bei der Entwicklung eines komischen Charakters muss man sich genauso viel Mühe machen wie beim anderen Ensemble des Romans. Je präziser eine komische Figur ausgearbeitet wird, desto plastischer wirkt sie auf den Leser und desto leichter kann er ihre Merkwürdigkeiten annehmen und darüber lachen. Wie sieht die Figur sich selbst und ihre Umwelt? Wo liegen die Konflikte, die die gewünschte Komik erzeugen? Was sind die Ziele und Bedürfnisse der Figur?

John Vorhaus ist überzeugt, dass eine komische Figur viele Charaktereigenschaften haben muss: Fehler, die sie mehrdimensional gestalten und über die wir als Leser vielleicht lachen können. Aber auch Menschlichkeit, die Sympathie erzeugt. Nichts anderes, als bei der Entwicklung einer nicht-komischen Figur, denn: „Drama ist, wenn man nicht lacht.“

Oft wird Komik erzeugt, wenn zwei Menschen, die überhaupt nicht zusammenpassen, zusammen agieren müssen. Auch überraschende Reaktionen (in der Komik darf dabei ruhig übertrieben werden) sind dafür prädestiniert, den Leser zum Lachen zu bringen. Je nach Genre kann dabei dick aufgetragen werden – je überzogener, desto besser. Bei einem guten Witz scheinen die Leser sogar die etwas hinkende Logik zu verzeihen.

Der komische Plot

Die Figuren allein machen noch lange kein lustiges Buch aus – als nächstes sollte man sich fragen, wie sie miteinander agieren sollen und was im Roman überhaupt passiert. Die Handlung muss auch in einem humorigen Buch voranschreiten – denn eine gut aufgebaute (komische) Spannung steigert die Intensität des Lachens am Ende.

Wer – wo – was? Das sind die grundlegenden Fragen, die bei der Plotentwicklung im Vordergrund stehen. Das „Wer“ haben wir bereits geklärt und die Figuren aufgestellt, die unterschiedliche Ziele und Weltansichten haben und vom Charakter her womöglich überhaupt nicht zueinander passen. Der Kern für die Konflikte ist damit gelegt.

Die Frage nach dem „Wo“ richtet sich in einem komischen Buch nicht selten ebenfalls nach dem Prinzip: zusammenfügen, was nicht zusammengehört. Erinnern wir uns an „Hexendreimaldrei“: Auf einer Hochzeit ist das Klo einer der unpassendsten Orte, an dem sich für die Protagonistin eine entscheidende Szene abspielen könnte. Die Wahl des Ortes kann somit die komische Grundlage unterstützen.

Und was passiert letztendlich mit den Figuren an diesem unpassenden Ort? Auch hier gilt: Das Gegenteil von dem wählen, was der Leser erwartet. Je weiter die Erwartung des Lesers von der Auflösung des Autos auseinanderklafft, desto leichter kann man die Lacher der Leser gewinnen.

Der Weg zu einem Gag

Ähnlich wie das szenische Schreiben durch bestimmte Techniken besser zur Geltung kommen kann (das berühmte „Show don’t tell“ z. B.), so existieren auch im Comedy-Bereich gewisse Regeln, die dem Autor helfen, einen guten Witz aufzubauen. In seinem Ratgeber „Das Buch, das jeder gelesen haben sollte, der wissen möchte, wie Fernsehcomedy in Deutschland wirklich funktioniert“ beschäftigt sich der Autor Georg Weyers-Rojas mit diesen Regeln besonders intensiv. Eine der wichtigsten Thesen ist dabei: „Die Pointe gehört nach hinten“. Auch wenn der Witz nur aus einem Satz besteht (der so genannte Oneliner), muss das Wort, welches das Lachen erzeugt, so spät wie möglich auftauchen. Am besten ganz am Ende des Satzes.

Hier sind wir wieder beim Spannungsaufbau: Erst wenn die Spannung auf dem Höhepunkt ist und der Leser vor Neugier platzt, wie das jetzt ausgehen könnte, sorgt die überraschende Wendung am Ende für ein erlösendes Lachen. Schaut man sich einige Witze an, so kann man genau sehen, dass viele genau nach diesem Prinzip funktionieren: „Ein Amerikaner, ein Franzose und ein Deutscher …“ Was passiert weiter? Egal, um welches Thema es geht, werden die ersten zwei versuchen, einander zu übertrumpfen, und erst der dritte setzt dem Ganzen die Krone auf und löst das Lachen aus.

Der Aufbau der Spannung ist also wie beim Plotten eines jeden Romans eine der wichtigsten Taktiken. Man sieht: Allzu weit liegt das Handwerk Humor vom Handwerk Schreiben keinesfalls entfernt und es lohnt sich, die Grundlagen zu erlernen.

Fazit – Anleitung zum Üben

Man kann also durchaus lernen, humorvoll zu schreiben. Bei einigen klappt es mit der intuitiven Unterstützung etwas besser, bei anderen etwas schlechter. Doch mit der Zeit kann man sich auf jeden Fall die notwendigen Techniken aneignen, um die eigenen Texte durch Humor zu erweitern. Dabei helfen folgende Leitsätze:

-         Den eigenen Humor erforschen. Worüber lacht man selbst am meisten? Welche Art von Humor liegt einem am nächsten? Wobei fühlt man sich dagegen unwohl?

-         Mut zum Probieren. Mit dem Humor ist es fast wie mit dem erotischen Schreiben: Es gibt nichts Peinlicheres, als wenn ein Witz nicht funktioniert. Doch in der Übungsphase ist es wichtig, jeden Einfall zuzulassen. Erst wenn man überhaupt etwas hat, kann man daran feilen.

-         Mit einfachen Sachen anfangen: Zum Beispiel die bekannten Redewendungen so umzuschreiben, dass sie für eine Überraschung sorgen: „Wer im Glashaus sitzt …“ – „ … sollte im Keller pinkeln“

-         Fühlt man sich etwas sicherer, ist es an der Zeit, die geschriebenen Witze und Humor-Einschübe bei den Testlesern auszuprobieren. Dabei ist es leichter, wenn man nicht gleich mit einem „lustigen Frauenbuch“ ankommt, sondern zuerst nur hin und wieder mit dem Humor einer Figur arbeitet. Denn wenn er bei dem Leser nicht funktioniert, ist es nicht so gravierend, weil der Text an sich keinen Comedy-Anspruch hat

-         Figuren, Orte, Ereignisse ausbauen und mit überraschenden Wendungen arbeiten. Die Gegenüberstellung dessen, was der Leser erwartet zu dem, was dabei am unmöglichsten erscheint, ist eine gute Grundlage, um das Feeling für komische Figuren und Situationen auszuarbeiten.

Quellen:

Vorhaus, John: Handwerk Humor; Verlag Zweitausendeins 2010 (Meine Rezension)

Vielen Dank auch an Claudia Brendler für inspirierende Gespräche