Eine Liebesgeschichte schreiben kann doch jeder. Man braucht einen ER und eine SIE (wahlweise einen ER und einen ER oder eine SIE und eine SIE, aber bleiben wir erstmal traditionell) und es kann losgehen. Die beiden Protagonisten lernen einander kennen und am Schluss sinkt die weibliche Figur in die starken Arme ihres Angebeteten unter dem sanften Lied des Meeresrauschens. Dazwischen werden ein paar Missverständnisse und Hürden eingestreut und schon ist sie da, die alte gute Love Story.
Doch ist alles wirklich so einfach? Und was ist, wenn die Liebesgeschichte in verschiedene Haupthandlungen eingebaut sein soll: Thriller, Historischer Roman etc.? Gelten da womöglich besondere Regeln?

Ich habe die Profis befragt – Michaela Rabe, auch bekannt als Michelle Raven (Romantic Suspense), Brigitte Melzer (Dark Romance, Jugendroman), Iny Lorentz (Historischer Roman) und Christine Biernath (Jugendroman).

 Für ihren Roman „Perfektion“ hat Michaela Rabe, die auch unter dem pseudonym Michelle Raven veröffentlicht, den DELIA-Preis 2008 gewonnen. Und das zu Recht. Neben der spannenden Thriller-Handlung bekommt der Leser eine nicht weniger spannende Liebesgeschichte zwischen der Fotografin Ana und Detektive Silver serviert. Pfiffige Dialoge, Witz, und natürlich knisternde Spannung zwischen den beiden Protagonisten machen diesen Roman preiswürdig.
Besonders gelungen empfinde ich die Fotosession-Szene, die keine plumpe Erotik darbietet, sondern den Leser nach und nach verführt. Wie macht die Autorin das bloß?
„Eine gute Liebesgeschichte lebt von ihren Protagonisten und deren Zielen“, erzählt Frau Rabe, „Daneben kann natürlich noch über das Setting Spannung aufgebaut werden, zum Beispiel wenn die Charaktere in einem Schneesturm gefangen sind oder wenn sie von Bösewichten verfolgt werden.“
Doch die Liebesgeschichte soll nicht abseits der Handlung stehen: „Besonders spannend wird es, wenn sich die Beziehung in ihrer Intensität gleichzeitig mit der Gefahr erhöht. Je gefährlicher die Situation für Held und Heldin wird, desto höher steigt die sexuelle Spannung“, so die erfolgreiche Autorin, die bereits über 100.000 Exemplare ihrer Bücher verkauft hat.
Im Genre „Romantic Suspense“ werden Krimi- und Thriller-Elemente mit der Entwicklung der Liebesgeschichte verwoben. Dabei soll der Autor darauf achten, dass beide Handlungen ausgewogen bleiben und einander nicht überschatten.
Da solche Romane meistens in der Gegenwart spielen, empfiehlt die Autorin einen modernen, nüchternen Stil. Die meisten Lektoren in diesem Genre bevorzugen eher dezentere Erotik-Szenen, um auch die Thriller-Leser anzusprechen, die mit einer reinen Liebesgeschichte nicht viel anfangen können.
Doch wie viel Erotik verträgt ein Romantic Suspense? Michaela Rabe meint dazu: „Ich mag es, die Entladung der aufgebauten sexuellen Spannung zwischen den beiden Protagonisten detailliert zu schildern. Meiner Meinung nach richtet sich die Anzahl der Liebesszenen nach dem Mischungsverhältnis der Geschichte: Bei mehr Liebesromananteil würde ich die Zahl der Szenen erhöhen, bei mehr Thrilleranteil würde ich es bei zwei ausgeschriebenen Szenen - und ein wenig Zwischenerotik - belassen.“

 Auch für Christine Biernath, die schon mehrere zeitgenössische Jugendromane geschrieben hat, sind lebendige und stimmige Charaktere, sowie eine spannende Handlung wichtig. In ihren Jugendbüchern für den Gabriel-Verlag greift sie aktuelle Themen wie Armut in Deutschland, ungewollte Schwangerschaft oder Alkoholprobleme bei Jugendlichen auf. Sie folgt keinem Schema F und mag keine unglaubwürdigen Happy Ends: „In 99 Prozent der Fälle gibt es ein Happy-End. Da denke ich mir regelmäßig: Und nun?! Leben sie jetzt glücklich bis an ihr Ende? Mit 14? Mit 16? Doch wohl nicht!“
Ihr Jugendroman „Laura und Tayfun“ erzählt von einem deutschen Mädchen, das sich in einen sehr konservativen türkischen Jungen verliebt. Die anfänglich unbeschwerte Romantik bringt sehr bald die ersten Probleme mit sich. Laura ist nicht bereit, ihren Lebensstil zu ändern, und Tayfun kommt nicht von seinem Besitzer-Drang los.
„In meinen Romanen ist nicht das ‚Sich Verlieben’ das Problem, sondern die Probleme der Protagonisten entstehen durch das Verliebtsein“, erzählt Christine Biernath. Und genau das hebt ihre Bücher von einer Durchschnittsjugendlektüre ab.
Mit Liebesszenen sollte sich der Autor allerdings in Jugendromanen zurückhalten. Küssen, Kuscheln und Händchenhalten sind nicht nur zulässig, sondern auch erwünscht, doch darüber hinaus sollte es nicht gehen.
„Das habe ich bei ‚Bauchgefühl’ gemerkt“, berichtet die Autorin. „In dem Buch geht es um eine Teenagerschwangerschaft, das heißt, es MUSSTE Sex geben. Meine Lektorin hat damals sehr auf die ‚Teenieverträglichkeit’ geachtet.“

 Diese Thesen bestätigt auch Brigitte Melzer, die neben ihren Darc-Romance-Romanen Jugendbücher schreibt. Ihr pfiffiger Roman „Kein Kuss für Finn“ aus der „My Story. Streng geheim“-Reihe von cbj greift keine komplizierten Themen des Alltags auf, sondern erzählt witzig und unterhaltsam über das Leben einer Teenagerin: Ein Umzug in eine andere Stadt? Nicht mit mir!, denkt die Protagonistin Charlie und verwandelt sich in eine Goth-Braut, um ihren Eltern so richtig zu zeigen, was sie davon hält. Äußerst sympathische Figuren und eine spannende Handlung liefern ein wahres Lesevergnügen nicht nur für Jugendliche, sondern auch für jung gebliebene Erwachsene.
Ein Jugendroman wird meistens in zwei Sparten eingeteilt: Für die Zielgruppe ab 12 und die ab 14 Jahre alt. Die Protagonisten sollten dabei 2 Jahre älter als die Zielgruppe sein, damit die Jugendlichen sich mit ihnen gut identifizieren können.
In den Dark-Romance-Büchern von Brigitte Melzer knistert es wesentlich mehr zwischen den Figuren. Wie lässt man den Funken auch auf den Leser überspringen? Brigitte Melzer schlägt ihre Prüf-Methode vor: „Fehlt mir beim Schreiben das Prickeln, dann weiß ich, dass es zwischen den beiden noch nicht stimmt und feile weiter daran.“
 Ihr Tipp für das Dark-Romance-Genre: „Wenn es ums Paranormale geht, ist es ein zusätzlicher Kick, wenn es sich nicht um eine gewöhnliche Liebe handelt, und die Beziehung der Liebenden gewissen Beschränkungen unterworfen ist.“
In ihrem Roman der „Geist, der mich liebte“ von Ueberreuter-Verlag verliebt sich die Protagonistin in einen Geist, der seine Geliebte nicht berühren kann, genauso wenig, wie sie ihn. Eine Liebe, die auf einer ganz anderen Ebene agiert. Und die Autorin meistert ihre Aufgabe erstklassig – die Liebesszene prickelt tatsächlich und zieht den Leser in ihren Bann. Jede Leserin würde sich bestimmt wünschen, auch von diesem Geist geliebt zu werden.
Zum Handwerk gibt Frau Melzer folgende Tipps: „Man kann eine Szene mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichem Ton schreiben, bis es ‚Klick’ macht und der passende Stil und die Erzählperspektive für die Geschichte da sind.“
Beim Schreiben geht die Autorin folgendermaßen vor: „Die eigentliche Liebesszene schreibe ich zunächst in einer Rohfassung, in die ich alles hinein packe, was mir dazu einfällt – darunter jede Menge Kitsch. Dann wird daran gefeilt … und gefeilt. Und unbedingt wieder ‚entkitscht’.“

 Das Autorenpaar Iny Lorentz schreibt erfolgreich historische Romane, die regelmäßig die Bestseller-Listen stürmen. „Eine Liebesgeschichte muss in sich stimmig sein, so dass der Leser miterleben kann, wie sie sich entwickelt“, meinen die beiden Autoren. „Und man darf nicht das Umfeld außer acht lassen, in dem sie spielt. Die äußeren Einflüsse und Gefahren dürfen nicht neben der Liebesgeschichte einherlaufen, sondern müssen eng mit ihr verwoben werden.“
In diesem Genre ist der Autor in der Wahl seiner Lösungen mehr eingeschränkt als sonst, da er auf die geschichtlichen Punkte achten muss. Die gute Recherche dabei ist das ‚A’ und ‚O’ einer glaubwürdigen Handlung: „Anderseits macht gerade das den Reiz des historischen Romans aus. Der Autor muss sein ganzes Wissen anwenden, um eine logische und nachvollziehbare Liebesgeschichte zu entwickeln“, so Iny und Elmar Lorentz.
In historischen Romanen wird die Liebesgeschichte von den Lektoren erwartet, denn ein historischer Roman ohne Liebe wird von den meisten Lesern als unvollkommen empfunden. Allerdings muss der Autor sich mit der Epoche, in der der Roman spielt, gut beschäftigen, und eine Liebesgeschichte aus diesem Wissen heraus aufbauen.
Auch der Stil erfordert eine besondere Beachtung. Das Autorenpaar meint dazu: „Er darf nicht modern sein wie bei zeitgenössischen Liebesromanen, sollte allerdings auch nicht zu altertümlich klingen. Außerdem muss man das richtige Maß bei den Beschreibungen finden. Auf jeden Fall sollte man flüssig schreiben und auf zu gewagte Stilelemente verzichten.“
Die Erotik ist ein wichtiger Bestandteil der Liebeshandlung, allerdings: „Die erotischen Szenen müssen sich aus dem Roman ergeben und die Handlung weitertreiben, sonst wirken sie aufgesetzt“, meinen Iny und Elmar Lorentz.

Unabhängig von einander sind sich die Profis einig: Die Liebesgeschichte sollte nicht aufgesetzt wirken und sich in die eigentliche Handlung einfügen, eigene Hürden und Höhepunkte beinhalten. Es bringt nicht viel, eine solche Nebenhandlung nachträglich einzubauen, denn der Romanverlauf wirkt unweigerlich auf die Figuren und ihre Gefühle aus.
Die Charaktere sollen den Leser begeistern, damit er ihnen gerne in die Abenteuer folgt. Wer nicht mit den Figuren mitfiebert, den lässt auch ihre Liebesgeschichte kalt.
Zum Stil lässt sich zusätzlich sagen, dass Humor in den meisten Genres eine wichtige Rolle spielt. Geschichten mit Witz und Pepp gewinnen die Herzen der Leser leichter.
Bei erotischen Szenen sollte man auf die ausführlichen Beschreibungen der Körperteile verzichten und lieber mit der Fantasie der Leser spielen.

Also: spitzt eure Federn und lasst es zwischen den Helden knistern!